<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0" xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"><channel><title>Fehrnunft</title><link>https://fehrnunft.com/</link><description>Ökonomie, die über den nächsten Deal hinausrechnet</description><language>de-ch</language><item><title>Die Rechnung der Unvernunft</title><link>https://fehrnunft.com/die-rechnung-der-unvernunft/</link><guid>https://fehrnunft.com/die-rechnung-der-unvernunft/</guid><pubDate>Fri, 06 Nov 2026 06:00:00 +0000</pubDate><description>Trumps Niederlage bei den Midterms ist eine Abrechnung mit einer Politik, die den nächsten Vorteil wichtiger nimmt als die langfristige Stärke des Landes. Die amerikanische Geschichte zeigt, was ökonomischer Sachverstand leisten kann: Beziehungen und Institutionen schaffen, die ihre Urheber überdauern. Wer davon zehrt, sollte den Verbrauch nicht als Erfolg ausweisen.</description><content:encoded><![CDATA[<p><strong>Trumps Niederlage bei den Midterms ist eine Abrechnung mit einer Politik, die den nächsten Vorteil wichtiger nimmt als die langfristige Stärke des Landes. Die amerikanische Geschichte zeigt, was ökonomischer Sachverstand leisten kann: Beziehungen und Institutionen schaffen, die ihre Urheber überdauern. Wer davon zehrt, sollte den Verbrauch nicht als Erfolg ausweisen.</strong></p><h2 id="der-waehler-ist-kein-buchhalter-des-praesidenten">Der Wähler ist kein Buchhalter des Präsidenten</h2>
<p class="auftakt">Donald Trump hat eine vernichtende politische Niederlage erlitten. Die Demokraten haben die Mehrheiten in beiden Kammern des Kongresses gewonnen. Hohe Lebenshaltungskosten und wirtschaftliche Unzufriedenheit haben zu diesem Ergebnis beigetragen. Die Wähler haben dem Präsidenten damit einen Teil der parlamentarischen Machtgrundlage entzogen, auf die er sich bisher stützen konnte.</p>
<p>Daraus folgt noch kein wissenschaftliches Urteil über jede einzelne Massnahme seiner Regierung. Wahlen entscheiden keine ökonomischen Lehrbuchfragen. Aber sie zwingen Regierende gelegentlich dazu, eine Rechnung zur Kenntnis zu nehmen, die sich mit öffentlichen Erfolgsmeldungen nicht mehr verdecken lässt.</p>
<p>Eine Familie muss keine Theorie der Steuerinzidenz kennen, um höhere Preise zu bemerken. Ein Unternehmer benötigt kein Seminar über Unsicherheit, um eine Investition aufzuschieben, deren Kalkulation durch wechselnde Regierungsentscheidungen unbrauchbar wird. Die Bürger erleben die Folgen. Die Regierung trägt die Verantwortung, Zusammenhänge zu verstehen und ihre Entscheidungen entsprechend zu begründen.</p>
<p>Wer jeden Erfolg persönlich beansprucht, darf bei den Kosten nicht plötzlich auf die beschränkten Möglichkeiten des Präsidenten verweisen.</p>
<h2 id="langfristiges-denken-war-ein-teil-amerikanischer-macht">Langfristiges Denken war ein Teil amerikanischer Macht</h2>
<p>Amerikas internationale Stärke entstand auch durch die Fähigkeit, den eigenen Vorteil über lange Zeiträume zu organisieren. Regierungen bauten Beziehungen und Institutionen auf, innerhalb derer andere Länder einen Grund zur Zusammenarbeit hatten. Daraus erwuchsen Absatzmärkte, Investitionsmöglichkeiten, politische Unterstützung und finanzielle Vorteile.</p>
<p>Diese Politik war interessengeleitet. Sie war oft widersprüchlich und keineswegs frei von schweren Fehlern. Ihr strategischer Wert lag darin, dass sie die Reaktion der Partner über den nächsten Verhandlungstag hinaus berücksichtigte. Eine Vereinbarung sollte morgen noch nützlich sein, auch wenn der amerikanische Präsident bereits ein anderer war.</p>
<p>Genau dieser Zeithorizont fehlt in der politischen Erfolgsrechnung Trumps zu häufig. Ein erzwungenes Zugeständnis wird öffentlich als Gewinn verbucht. Was der Partner daraus lernt, wie er seine Investitionen verändert und welche Abhängigkeiten er künftig vermeidet, erscheint in dieser Rechnung kaum.</p>
<p>Für eine Grossmacht ist das eine gefährliche Verkürzung. Sie kann ihre Stellung eine Zeit lang einsetzen, um Vorteile zu erzwingen. Dabei muss sie unterscheiden, ob sie ihre künftige Ertragskraft erhöht oder lediglich einen Teil ihres politischen Kapitals aufbraucht.</p>
<h2 id="bretton-woods-ein-vorteil-der-auch-anderen-nuetzte">Bretton Woods: Ein Vorteil, der auch anderen nützte</h2>
<p>Im Juli 1944 verständigten sich 44 Staaten in Bretton Woods auf eine neue internationale Währungsordnung. Die Teilnehmer sollten feste, anpassbare Wechselkurse unterhalten. Der Dollar bildete den zentralen Bezugspunkt; die Vereinigten Staaten garantierten ausländischen Währungsbehörden seine Einlösung in Gold. Der Internationale Währungsfonds sollte die Ordnung begleiten und bei Zahlungsbilanzproblemen helfen.</p>
<p>Die Vereinigten Staaten gewannen eine herausgehobene Stellung. Zugleich entstand für ihre Partner ein Rahmen, in dem internationale Wirtschaftsbeziehungen nach Weltwirtschaftskrise und Krieg verlässlicher werden sollten. Der amerikanische Vorteil war mit einer Leistung verbunden, die andere Länder benötigten.</p>
<p>Darin liegt die historische Bedeutung. Die Verantwortlichen schufen Regeln für wiederkehrende Beziehungen. Sie mussten nicht bei jedem Geschäft von vorn beginnen, die Bedingungen politischer Zusammenarbeit auszuhandeln. Solche Regeln erweitern den Zeitraum, über den Menschen und Unternehmen planen können.</p>
<p>Auch Bretton Woods war keine dauerhafte Erfolgsgarantie. Das System enthielt Spannungen und zerbrach schliesslich. Aber sein Aufbau zeigt eine Form politischen Denkens, die wirtschaftliche Ordnung selbst als Quelle nationaler Stärke begriff. Ein Land kann gerade dadurch gewinnen, dass es anderen verlässliche Möglichkeiten eröffnet.</p>
<h2 id="nixons-letztes-jahr-handlungsfaehigkeit-trotz-watergate">Nixons letztes Jahr: Handlungsfähigkeit trotz Watergate</h2>
<p>1971 setzte Richard Nixon die Goldeinlösung des Dollars aus. Bis 1973 zerbrach das System fester Wechselkurse. Dann verschärften der Krieg im Nahen Osten und das arabische Ölembargo die wirtschaftliche Unsicherheit. Die USA standen vor einer Energiekrise und einer veränderten internationalen Finanzordnung.</p>
<p>Nixon war durch Watergate bereits schwer angeschlagen. Trotzdem entwickelte seine Regierung 1974 eine breitere Zusammenarbeit mit Saudi-Arabien. Henry Kissinger verband wirtschaftliche, technische und sicherheitspolitische Interessen. Im Juni wurde eine gemeinsame Wirtschaftskommission geschaffen. Finanzminister William Simon bemühte sich um die Anlage der stark gestiegenen Öleinnahmen im internationalen Finanzsystem.</p>
<p>Saudi-Arabien benötigte Technologie, Infrastruktur, Fachwissen und Anlagemöglichkeiten. Die USA suchten stabilere Beziehungen, wirtschaftliche Aufträge und eine Verwendung der Ölüberschüsse, die internationale Finanzströme stützte. Die spätere GAO-Untersuchung beschrieb ausdrücklich die Verbindung von wirtschaftlicher Entwicklung, engeren politischen Beziehungen und dem Recycling von Petrodollars.</p>
<p>Damit wurde der Dollar nicht erst zur Weltleitwährung. Diese Erzählung wäre historisch falsch. Die Zusammenarbeit stützte seine bestehende internationale Rolle. Sie war ein Baustein einer umfassenderen Ordnung, kein einzelner Vertrag, der das Weltwährungssystem erfand.</p>
<p>Nixon trat im August 1974 zurück. Die Kooperation wurde unter seinem Nachfolger fortgeführt. Ein technisches Abkommen folgte 1975. Ein politisch scheiternder Präsident hinterliess hier eine Beziehung, die seinen Abgang überstand.</p>
<p>Das entschuldigt weder Watergate noch Nixons wirtschaftspolitische Fehler. Es zeigt den Wert staatlicher Fachkompetenz und institutioneller Kontinuität. Ein Land muss langfristig handeln können, auch wenn sein Regierungschef dazu immer weniger in der Lage ist.</p>
<h2 id="der-dollar-ist-kein-persoenliches-verdienst">Der Dollar ist kein persönliches Verdienst</h2>
<p>Die internationale Stellung des Dollars ist ein über Jahrzehnte entstandener Vermögenswert. Sie beruht auf der Grösse der amerikanischen Wirtschaft, tiefen Finanzmärkten, rechtlicher Verlässlichkeit und der Erwartung, amerikanische Forderungen halten und bei Bedarf wieder verkaufen zu können. Daraus entstehen günstigere Finanzierungsmöglichkeiten für Staat und Unternehmen.</p>
<p>Andere Länder finanzieren Amerika nicht aus Dankbarkeit. Sie suchen Anlagen, die ihren eigenen Bedürfnissen entsprechen. Das amerikanische Privileg besteht darin, für diese Nachfrage besonders geeignete Vermögenswerte anbieten zu können. Seine Pflege verlangt wirtschaftliche und institutionelle Disziplin.</p>
<p>Wer die Verlässlichkeit staatlicher Entscheidungen, unabhängiger Daten oder langfristiger Zusagen beschädigt, arbeitet gegen die Grundlagen dieses Vorteils. Der Dollar muss seine Führungsrolle dafür nicht vollständig verlieren. Bereits eine teilweise Verlagerung der Nachfrage kann die Finanzierung der USA verteuern.</p>
<p>Es wäre deshalb ein bemerkenswerter Rechenfehler, zusätzliche Einnahmen aus einem kurzfristigen Druckmittel zu feiern und zugleich höhere langfristige Finanzierungskosten auszublenden. Entscheidend ist die Gesamtbilanz. Zu ihr gehören auch Schäden, die in der Amtszeit des Verursachers noch nicht vollständig sichtbar werden.</p>
<h2 id="zoelle-sind-keine-auslaendischen-geschenke">Zölle sind keine ausländischen Geschenke</h2>
<p>Mit ähnlicher Nüchternheit ist die Handelspolitik zu beurteilen. Zölle können bestimmte Unternehmen schützen und dem Staat Einnahmen verschaffen. Sie belasten zugleich Importeure, weiterverarbeitende Betriebe und Konsumenten. Die genaue Verteilung muss untersucht werden. Sie folgt keinem präsidentiellen Wunsch.</p>
<p>Die Forschung zu den Zöllen von 2018 zeigte eine weitgehende Überwälzung auf die amerikanischen Importpreise. Fed-Ökonomen fanden zudem relative Beschäftigungsrückgänge in stärker betroffenen Industriezweigen, weil höhere Vorleistungskosten und ausländische Gegenmassnahmen die positiven Schutzeffekte überwogen.</p>
<p>Eine Regierung kann solche Kosten aus sicherheitspolitischen Gründen akzeptieren. Dann muss sie die betroffene Abhängigkeit benennen, geeignete Instrumente auswählen und erklären, weshalb der erwartete Nutzen die Belastung rechtfertigt. Sie muss auch prüfen, ob die geschützten Unternehmen tatsächlich leistungsfähiger werden.</p>
<p>Die Behauptung, das Ausland bezahle einfach die Rechnung, erspart diese Arbeit nur rhetorisch. Wirtschaftlich bleibt sie notwendig. Ebenso notwendig ist die Unterscheidung zwischen einem bilateralen Handelsdefizit und einer tatsächlich nachgewiesenen Handelsbarriere. Aus der Höhe des ersten lässt sich die Höhe der zweiten nicht ablesen.</p>
<p>Eine Handelsbilanz ist keine Verlustrechnung eines Unternehmens. Wer sie so behandelt, beginnt seine Politik mit einer falschen Vorstellung vom Gegenstand.</p>
<h2 id="unberechenbarkeit-hat-einen-preis">Unberechenbarkeit hat einen Preis</h2>
<p>Eine neue Produktionsanlage benötigt mehr als politische Ermunterung. Sie benötigt eine belastbare Erwartung über Absatz, Kosten, Finanzierung und Arbeitskräfte. Je länger sich die Investition rechnen muss, desto wichtiger werden die Regeln, unter denen sie betrieben wird.</p>
<p>Häufig wechselnde Zölle, Fristen und Ausnahmen erhöhen den Wert des Abwartens. Ein Unternehmen verschiebt eine Bestellung, hält Liquidität zurück oder wählt einen anderen Standort. Die ausgebliebene Investition erscheint in keiner Liste geschlossener Fabriken. Sie fehlt dennoch in der künftigen Leistungsfähigkeit des Landes.</p>
<p>Empirische Forschung verbindet politische Unsicherheit mit verzögerten Investitionen, vorsichtigerem Konsum und ungünstigeren Finanzierungsbedingungen. Diese Wirkung ist kein persönliches Urteil über Trump. Sie ist ein wirtschaftlicher Mechanismus, den eine verantwortliche Regierung in ihre Entscheidungen einbeziehen muss.</p>
<p>Auch Partnerstaaten rechnen. Wer regelmässig mit neuen Forderungen konfrontiert wird, sucht zusätzliche Lieferanten, alternative Absatzmärkte und grössere eigene Handlungsspielräume. Diese Absicherung ist vernünftig. Sie kann Amerika jedoch Geschäfte und Einfluss kosten. Der Partner mag heute nachgeben und morgen anders investieren.</p>
<h2 id="hayek-und-keynes-haetten-widersprochen">Hayek und Keynes hätten widersprochen</h2>
<p>Hayek und Keynes hätten sich über viele Gegenmassnahmen gestritten. Als Orientierung für unsere Frage lassen sich aus ihren Arbeiten dennoch zwei Anforderungen gewinnen: Politische Führung muss ihre Wissensgrenzen anerkennen und die Erwartungen anderer ernst nehmen.</p>
<p>Hayeks Argument über verteiltes Wissen trifft jeden Versuch, die Übersicht eines Einzelnen zum Ersatz für dezentrale Informationen zu machen. Unternehmen, Haushalte und Fachbehörden wissen Dinge, die der Regierungschef nicht wissen kann. Wer ihre Signale nach politischer Loyalität bewertet, verringert die Qualität seiner eigenen Entscheidungen.</p>
<p>Keynes lenkt den Blick auf Investitionen unter Unsicherheit und auf die Möglichkeit, dass eine Wirtschaft ihre produktiven Fähigkeiten nicht ausschöpft. Persönliche Zuversicht im Präsidentenamt genügt nicht, um private Investitionsbereitschaft herzustellen. Auch Erwartungen müssen durch nachvollziehbare Bedingungen gestützt werden.</p>
<p>Acemoglus institutionelle Perspektive ergänzt die Machtfrage: Können neue Unternehmen, neue Erkenntnisse und neue Menschen bestehende Interessen herausfordern? Werden Regeln allgemein angewandt? Oder entscheidet politische Nähe darüber, wer Chancen erhält?</p>
<p>Daraus folgt kein gemeinsames Parteiprogramm dieser Autoren. Es ergibt sich aber eine klare Prüffrage: Erhält eine Politik die Bedingungen, unter denen Wissen, Initiative und Wettbewerb langfristig produktiv werden können?</p>
<h2 id="wer-vom-erbe-lebt-kann-gute-zahlen-vorzeigen">Wer vom Erbe lebt, kann gute Zahlen vorzeigen</h2>
<p>Eine starke Volkswirtschaft kann trotz schädlicher Politik weiter wachsen. Unternehmen entwickeln neue Produkte. Arbeitnehmer verbessern ihre Fähigkeiten. Frühere Investitionen tragen Früchte. Andere politische Massnahmen können Belastungen ausgleichen. Der Zusammenhang zwischen Regierungsentscheidung und gesamtwirtschaftlichem Ergebnis ist deshalb weder unmittelbar noch eindeutig.</p>
<p>Die CBO erwartet in ihrer Projektion vom Februar 2026 weiterhin amerikanisches Wachstum. Gleichzeitig veranschlagt sie für die höheren Zölle eine geringere Wirtschaftsleistung gegenüber einer Entwicklung ohne diese Änderungen. Beides kann gleichzeitig zutreffen.</p>
<p>Die richtige Frage lautet daher auch, wie viel Wohlstand unter verlässlicheren Bedingungen möglich gewesen wäre. Unterlassene Investitionen, verlorene Kooperationen und geringere Produktivitätsfortschritte sind reale Kosten. Ihre Verursacher können sich leicht darauf berufen, dass die Wirtschaft trotzdem noch wächst.</p>
<p>Hier ähnelt die politische Rechnung der eines Unternehmens, das notwendige Erhaltungsinvestitionen streicht. Kurzfristig verbessert sich der ausgewiesene Ertrag. Die Rechnung folgt später. Eine Regierung darf diesen zeitlichen Abstand nicht dazu benutzen, die Entnahme aus dem Bestand als neu geschaffenen Wohlstand auszugeben.</p>
<h2 id="populismus-verteilt-hoffnung-und-hinterlaesst-kosten">Populismus verteilt Hoffnung und hinterlässt Kosten</h2>
<p>Wer den Verbrauch langfristiger Substanz als neu geschaffenen Wohlstand verkauft, bedient eine zentrale Methode populistischer Wirtschaftspolitik: Der unmittelbare Vorteil wird vorgeführt, die spätere Rechnung verschwiegen. Dieses Verfahren ist weder ein linkes noch ein rechtes Privileg.</p>
<p>Die wirtschaftlichen Schäden sind empirisch untersucht. Manuel Funke, Moritz Schularick und Christoph Trebesch analysierten 51 populistische Regierungschefs zwischen 1900 und 2020. Nach 15 Jahren lag das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf im Durchschnitt rund zehn Prozent unter einer plausiblen Vergleichsentwicklung ohne populistische Führung. Das ist keine Prognose für jeden Einzelfall. Es ist ein erheblicher langfristiger Wohlstandsverlust.</p>
<p>Damit ist noch nicht bewiesen, wer innerhalb einer Gesellschaft wie viel verliert. Aber die Verteilung verdient besondere Aufmerksamkeit. Wer von seinem laufenden Einkommen lebt und kaum Rücklagen besitzt, kann steigenden Preisen, schlechteren öffentlichen Leistungen und unsicheren Arbeitsverhältnissen wenig entgegensetzen. Vermögen und politische Beziehungen können dagegen Schutz und Ausweichmöglichkeiten eröffnen.</p>
<p>Der Anspruch, für das Volk zu regieren, ersetzt deshalb keine Verteilungsrechnung. Es ist zu prüfen, wer die Kosten trägt, wer Ausnahmen erhält und wer vom Zugang zur Macht profitiert. Wo sich die Regierenden oder ihr Umfeld bereichern, kommt zur wirtschaftlichen Fehlleistung der Missbrauch des Amtes hinzu. Das muss konkret belegt werden.</p>
<p>Die politische Zumutung liegt darin, dass ausgerechnet jene besonders verletzlich sind, denen die grössten Hoffnungen gemacht wurden. Ihre Enttäuschung darf nicht erneut zum Rohstoff derselben Politik werden.</p>
<h2 id="die-demokratie-muss-nun-ihren-vorteil-nutzen">Die Demokratie muss nun ihren Vorteil nutzen</h2>
<p>Die Midterms haben eine Korrektur ermöglicht. Die neuen Mehrheiten eröffnen ab Januar stärkere parlamentarische Kontrolle. Sie garantieren weder bessere Politik noch eine rasche Wiederherstellung beschädigter Beziehungen. Auch die Demokraten müssen ihre Vorschläge an Kosten, Nebenwirkungen und Ergebnissen messen lassen.</p>
<p>Ihr Auftrag reicht über die Untersuchung vergangener Verfehlungen hinaus. Sie müssen verlässlichere Bedingungen für Investitionen, wissenschaftliche Arbeit und internationale Zusammenarbeit schaffen helfen. Bestehende Zusagen sollten überprüfbar sein und begründete Änderungen nachvollziehbar erfolgen. Diese Arbeit ist weniger spektakulär als die nächste präsidentielle Ankündigung. Ihre Wirkung kann länger halten.</p>
<p>Der Vorteil demokratischer Institutionen besteht in der Möglichkeit, Macht zu begrenzen und Fehler friedlich zu korrigieren. Dafür müssen die Beteiligten widersprechende Informationen zulassen. Ein Parlament, das nur die Gefolgschaft organisiert, erfüllt diese Aufgabe ebenso wenig wie eine Regierung, die schlechte Nachrichten als persönliche Illoyalität behandelt.</p>
<p>Politiker werden für wenige Jahre gewählt. Viele ihrer Entscheidungen wirken über Jahrzehnte. Verantwortliche Führung muss deshalb Möglichkeiten erhalten, deren Nutzen erst nach der eigenen Amtszeit sichtbar wird. Das ist keine besondere Tugend einzelner Staatsmänner. Es gehört zur sachgerechten Ausübung des Amtes.</p>
<p>Gerade Europa sollte daraus keine bequeme Überlegenheit ableiten. Auch hier werden notwendige Investitionen vertagt, organisierte Interessen geschont und kurzfristige Entlastungen zulasten künftiger Möglichkeiten finanziert. Die amerikanische Wahl ist deshalb auch eine Aufforderung zur eigenen Prüfung. Wer Washington für fehlende Verlässlichkeit kritisiert, muss selbst berechenbare Regeln anbieten. Wer wissenschaftlichen Sachverstand verlangt, muss unbequeme Befunde auch dann akzeptieren, wenn sie den eigenen politischen Vorlieben widersprechen. Langfristiges Denken beginnt mit der Bereitschaft, heute Kosten zu tragen, deren Nutzen andere später erhalten. Diese Bereitschaft lässt sich weder durch nationale Selbstzufriedenheit noch durch die berechtigte Kritik an einem amerikanischen Präsidenten ersetzen.</p>
<p>«It’s the economy, stupid» bleibt eine brauchbare Erinnerung. Die amerikanische Stärke wurde von Generationen aufgebaut, die über den nächsten Abschluss hinausdenken konnten. Trump muss sich daran messen lassen, welchen Bestand an Vertrauen, Wissen und Handlungsmöglichkeiten er seinem Nachfolger übergibt.</p>
<p class="schluss">Die betroffenen Bürger bezahlen die Rechnung politischer Unvernunft gewöhnlich zuerst. Bei dieser Wahl haben sie einen Teil davon an die Verantwortlichen zurückgereicht. Ob daraus mehr wird als eine Wahlniederlage, entscheidet sich daran, ob Washington wieder lernt, über den nächsten Deal hinauszurechnen.</p>]]></content:encoded></item></channel></rss>
